Methodischer Ansatz

 
Ausgangspunkt für die Durchführung der Untersuchung ist die Analyse der Methodik von Otto Friedrich Bollnow und Martin Heidegger.
 
Die philosophische Anthropologie, wie sie Otto Friedrich Bollnow versteht, nimmt die Erscheinungen des Lebens insgesamt in den Blick, um von daher zum Wesen des Menschen vorzudringen.
 
Seine Schriften sind stark beeinflußt von Vertretern der sog. Lebensphilosophie insbesondere Henri Bergson, Wilhelm Dilthey und Georg Misch. Die Lebensphilosophie thematisiert das einmalige Innerliche, Seelische, Erlebnismäßige und das Dynamische des Lebens.
 
Der Ansatz, das Leben als Ganzes in seiner Fülle in den Blick zu nehmen, findet sich bereits bei Kierkegaard. Kierkegaard sucht nach den tiefsten Wurzeln der Existenz und ein Leben aus dieser Innerlichkeit. Er bereitet damit zugleich die Existenzphilosophie vor.
 
Die Fundamentalontologie von Martin Heideggers  in „Sein und Zeit“ (S u Z) ist im Anschluß an Edmund Husserl (1859-1938) hermeneutisch-phänomenologisch orientiert.
 
Gegenstand der Fundamentalontologie ist die Analytik des Daseins, da für die Seins-Frage dem Fragen nach dem Sein des Daseins ein ontisch-ontologoischer Vorrang zukommt. Grundlage hierfür ist die ontologische Differenz, der Unterschied zwischen Seiendem und Sein, der von Martin Heidegger ausdrücklich in „Vom Wesen des Grundes“ behandelt wird.
 
In seiner Fundamentalontologie geht es Martin Heidegger darum, dem Dasein selbst die Möglichkeit des ursprünglichen Erschließens zu geben und es gleichsam sich selbst auslegen zu lassen (S und Z, 140). Anknüpfungspunkt für diese Selbst-Erschließung ist für Martin Heidegger, daß dem Dasein die Grundstrukturen seines Seins in dem zum Dasein selbst gehörigen Seinsverständnis kundgegeben werden (S u Z, 37). Danach steht das Seinsverständnis des Menschen methodisch im Mittelpunkt der Untersuchung von Martin Heidegger.
 
Die Fundamentalontologie von Martin Heidegger in ihrer Ausrichtung auf das Dasein hat so einen thematischen Bezug zur Erforschung des Wesens des Menschen durch die philosophische Anthropologie. Das verleiht der philosophischen Anthropologie eine fundamentalontologische Dimension. Darüber hinaus besteht eine Vergleichbarkeit des methodischen Ansatzes: Die Fundamentalontologie zeichnet sich dadurch aus, dass sie - wie die philosophische Anthropologie - hermeneutisch geprägt ist durch die Zuwendung zum Leben, zum Tatsächlichen, dem sich selbst verstehenden und interpretierenden Dasein. 
 
Diese thematische und methodische Verbundenheit zwischen der Fundamentalontologie Martin Heideggers und der philosophischen Anthropologie von Otto Friedrich Bollnow wirft die Frage auf, in welchem Verhältnis beide Ansätze zueinander stehen und ob sie sich gegenseitig befruchten können. Es wird gezeigt, daß die Fundamentalontologie, die als Ergebnis ihrer phänomenologisch-hermeneutisch ausgerichteten Betrachtungen für die Analytik des Daseins das Seinsverständnis des Daseins methodisch in den Mittelpunkt stellt, die notwendige Grundlage auch für die philosophische Anthropologie ist, denn nur verstehend können die verschiedensten Erscheinungen des Lebens in ihrer Bedeutung für das Wesen des Menschen „verstanden“ werden.
 
Die vorliegende Untersuchung der Phänomene Geborgenheit und Selbstwertgefühl als Teilaspekt der Frage nach dem Wesen des Menschen folgt daher methodisch dem hermeneutisch-phänomenologischen Ansatz von Martin Heidegger, ergänzt durch die auf dieser Grundlage interpretierten Ergebnisse der philosophischen Anthropologie.
 
Hierbei zeigt sich, dass die Forschungen von Otto Friedrich Bollnow zum "Wesen der Stimmungen" (W d S) für das Verständnis des emotionalen Lebens des Menschen als grundlegend angesehen werden können.
 
Es geht dabei um folgende Aussagen:
 
Nach Otto Friedrich Bollnow gehören die Gefühle zu den sich aus den Stimmungen entwickelnden und darauf aufbauen­den „höheren“ Leistungen. (W d S, 34)
 
Daher gibt es für Otto Friedrich Bollnow „gewisse Gefühle, die nur auf dem tragenden Boden der glücklichen Stimmungen möglich sind und andere, die auf diesem Boden von vorn herein nicht gedeihen können, sondern um­gekehrt den Boden trauriger, gedrückter oder verzweifelter Stimmungen voraus­setzen.“ (W d S, 106)
 
Umgekehrt beinflussen Gefühle auch die Stimmungen: "so kann ein erwachendes einzelnes Gefühl ... zugleich auch den gesamten Stimmungsuntergrund und mit ihm dann alle übrigen Gefühle und menschlichen Beziehungen umfärben.“ (W d S, 106).
 
Die jeweilige Stim­mung bildet so „den tragenden Untergrund, aus dem heraus sich das gesamte sons­tige Seelenleben entwickelt und von dem es in seinem Wesen durchgehend be­stimmt bleibt.“ (W d S, 54).
 
Entscheidend ist das darin zum Ausdruck kommende Stufenmodel für die Stimmungen und Gefühle. Erst vor diesem Hintergrund erschließt sich das Wesen der Stimmungen im Unterschied zu den Gefühlen.
 
Nicht weniger grundlegend ist die Herausarbeitung der aufschließenden Kraft der gehobenen Stimmungen und die Auswirkungen des Wegbrechens der vertrauten Lebensbezüge auf die Stimmung.
 
Auf der Grundlage dieser Ergebnisse können unter Heranziehung der Analytik des Daseins die Einbindung von Geborgenheit und Selbstwertgefühl in das Leben des Menschen sowie die Voraussetzungen für die volle Befriedigung und der innere Zusammenhang beider Phänomene geklärt werden.
 
Zugleich kann auf der Grundlage dieser Erkenntnisse zu Geborgenheit und Selbstwertgefühl in Fortführung der Analytik des Daseins unter Einbeziehung der Phänomene Geborgenheit und Selbstwertgefühl gezeigt werden, wieso das Dasein zunächst und zumeist nicht sich selbst ist, und wie sich der Weg zu einem Leben in der Eigentlichkeit im Alltag als möglich erweist.
 
Dadurch bekommt „Sein und Zeit“ von Martin Heidegger eine neue Aktualität.

 

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