Zusammenfassung |
|
Die vorliegende Untersuchung bemüht sich um die Klärung der den Problemkreis von Geborgenheit und Selbstwertgefühl grundlegend strukturierenden Fragen.
Hierzu werden nach den Betrachtungen zu Geborgenheit und Selbstwertgefühl im Alltag und deren Wechselwirkung im Ersten Kapitel unter dem Titel “Einbindung von Geborgenheit und Selbstwertgefühl in das Leben des Menschen” im Zweiten Kapitel die Bedeutung von Geborgenheit und Selbstwertgefühl für die Erschließung des Daseins, der Raum, den das Bedürfnis nach Geborgenheit und Selbstwertgefühl im Leben des Menschen einnimmt, und die Auswirkungen von Geborgenheit und Selbstwertgefühl auf das Leben des Menschen behandelt. Im Dritten Kaptitel wird versucht, die Voraussetzungen für die vollinhaltliche Befriedigung des Bedürfnisses nach Geborgenheit und Selbstwertgefühl abschließend zu klären und den inneren Zusammenhang zwischen Geborgenheit und Selbstwertgefühl offen zu legen. Dabei wird die besondere Situation des Kindes, die ursprünglich das Fragen nach der Geborgenheit ausgelöst hat, im Ersten Kapitel in die Betrachtungen zu Geborgenheit und Selbstwertgefühl im Alltag einbezogen. Vor diesem Hintergrund werden im Dritten Kapitel unter Einbeziehung der Untersuchungsergebnisse die Schlußfolgerungen gezogen, soweit sie möglich erschienen, und auf weitere zu klärende Fragen hingewiesen.
Die Untersuchung der genannten grundlegenden Fragen zu Geborgenheit und Selbstwertgefühl erfolgt vor dem Hintergrund der Auseinandersetzung von Otto Friedrich Bollnow in seiner Schrift “Das Wesen der Stimmungen” mit der Analytik des Daseins von Martin Heidegger in “Sein und Zeit”. Die beiden Standpunkte werden im Hinblick auf die Einbindung der Angst in das Leben des Menschen spiegelbildlich zu den die Einbindung von Geborgenheit und Selbstwertgefühl in das Leben des Menschen betreffenden Fragen analysiert.
Dabei werden die Standpunkte von Otto Friedrich Bollnow und Martin Heidegger zur Bedeutung der Angst für die Erschließung des Daseins auf der Grundlage von deren Standpunkten zur Bedeutung der Stimmung für die Erschließung des Daseins erörtert, da die Angst sowohl von Otto Friedrich Bollnow als auch von Martin Heidegger als Stimmung qualifiziert wird.
Die Diskussion ergibt, daß Otto Friedrich Bollnow die wesentlichen Feststellungen zur Bedeutung der Stimmung für die Erschließung des Daseins von Martin Heidegger übernimmt. Danach ist das Dasein immer irgendwie gestimmt, wobei die Stimmungen als Einheit von Selbst und Welt gesehen werden, weil sie weder von “Außen” noch von “Innen” kommen, sondern als Weise des In-der-Welt-seins aus diesem selbst aufsteigen. Danach erschließt sich in der Stimmung im Sinne der Analytik des Daseins dem Dasein sein Sein als In-der-Welt-sein als solches und damit im Ganzen, so wie es sich selbst in dem jeweiligen Augenblick tatsächlich empfindet und erlebt, das heißt, seiner selbst inne wird. Darin kommt der Erschließungscharakter der Stimmung zum Ausdruck. Diese Stimmungen bilden die Grundlage allen Wahrnehmens und allen Handelns.
Die Diskussion der beiden Standpunkte zeigt aber auch, daß entgegen der Auffassung von Otto Friedrich Bollnow der Ausgangspunkt für die Analytik des Daseins von Martin Heidegger nicht die Stimmung und damit auch nicht die Stimmung der Angst ist, sondern das Seinsverständnis des Menschen. Dabei erweist sich entgegen der Auffassung von Otto Friedrich Bollnow der ontologische Ansatz von Martin Heidegger gegenüber dem anthropologischen Ansatz von Otto Friedrich Bollnow nicht nur als nicht unmöglich, sondern als unverzichtbar für die Frage “was ist der Mensch”.
Aufgrund des ontologischen Ansatzes kann Martin Heidegger nachweisen, daß das Verstehen und die Stimmung nicht unabhängig voneinander zur Seinsverfassung des Menschen gehören, sondern daß das Verstehen immer ein gestimmtes Verstehen ist, und sich dem Dasein im gestimmten Verstehen sein Sein als Sein im Da als solches und damit im Ganzen erschließt. Aufgrund der existenzialen Verfassung des Daseins konkretisiert sich dieses Erschließen im gestimmten Verstehen als das Sich-entwerfen-im-gestimmten-Verstehen-des-Sein-könnens. Das Seinsverständnis ‑ methodisch im Zentrum der Analytik des Daseins stehend ‑ stellt sich danach als die Grundlage für jedes gesteuerte Verhalten des Menschen heraus.
Demgegenüber bleibt dem anthropologischen Standpunkt von Otto Friedrich Bollnow, der das Seinsverständnis im Sinne von Martin Heidegger nicht ausdrücklich mit in den Blick nimmt, sondern von der Untersuchung der Stimmungen als solcher zum Wesen des Menschen vordringen will, die Frage verschlossen, wie das Seinsverständnis von der Stimmung beeinflußt wird. Diese Frage ist für die Erschließung des Daseins erheblich, weil die Stimmung ‑ wie Otto Friedrich Bollnow im Anschluß an Martin Heidegger herausgearbeitet hat ‑ immer eine Einheit von Selbst und Welt ist, und deshalb das gestimmte Verstehen nicht ohne weiteres einen ungehinderten Zugang zu sich selbst und damit dem eigensten Sein-können gewährleistet. Das hat sich als Hintergrund für die Frage von Martin Heidegger herausgestellt, ob es eine Stimmung gibt, die diesen ungehinderten Zugang zum Selbst ermöglicht.
Martin Heidegger geht davon aus, daß das Dasein am ursprünglichsten vor sich selbst als solches gebracht ist, wenn “das Sein des Daseins als nacktes ‘daß es ist und zu sein hat’” aufbricht, und damit um so deutlicher hervortritt, daß das “Woher und Wohin” des Daseins notwendigerweise “im Dunkel” verhüllt bleibt.[1] Diese Grundgegebenheiten des Daseins nennt Martin Heidegger “die Geworfenheit dieses Seienden in sein Da”[2] Werden dem Dasein diese Grundgegebenheiten in “nackter” Form offenbar, weil alles innerweltliche Seiende zu völliger Unbedeutsamkeit in sich zusammengesunken ist, hat das innerweltlich begegnende Seiende keinen Einfluß mehr darauf, wie man sich selbst versteht, und das Empfinden und Erleben des Menschen ist allein von den Grundgegebenheiten des Daseins erfüllt. Damit wird der Weg frei zu sich selbst. Dieses Wegrücken des Seienden im Ganzen offenbart das “Nichts”, womit die Angst einher geht. Durch die damit verbundene Erfahrung, daß das “Woher und Wohin” verhüllt bleibt, kann das Dasein “vorlaufen” in die unüberholbare Möglichkeit des Todes und so alle vorgelagerten Möglichkeiten mit erschließen. Auf diese Weise wird dem Dasein in der Angst das Sein zum eigensten Ganz-sein-können offenbar. Das ermöglicht das existenzielle Vorwegnehmen des ganzen Daseins. Die Angst hat sich danach als die Bedingung für die Freiheit zum eigensten Ganz-sein-können herauskristalisiert.
Darüber hinaus geht Martin Heidegger davon aus, daß das Erschließen des Daseins im gestimmten Verstehen nie unabhängig von der Angst erfolgt. Es kann gezeigt werden, daß dies als zwangsläufige Folge der von Martin Heidegger herausgearbeiteten Grundgegebenheiten des Daseins gesehen werden muß. Grundlage für diesen Nachweis ist der in der vorliegenden Untersuchung herausgearbeitete Wesensunterschied zwischen Stimmungen und Gefühlen. Danach charakterisiert die Stimmung, wie man sich selbst im Ganzen erlebt, während das sonstige Erleben und Empfinden den Gefühlen zuzuordnen ist. Dabei sind die Gefühle im Vorhof der Stimmung angesiedelt und beeinflussen von da aus die Stimmung. Umgekehrt beeinflußt aber auch die jeweilige Stimmung die Gefühle. Zur gleichen Zeit können daher vor dem Hintergrund, daß die Stimmung charakterisiert, wie man sich selbst im Ganzen erlebt, verschiedene Gefühle, nicht aber verschiedene Stimmungen erlebt werden.
Nach dieser Unterscheidung zwischen Stimmung und Gefühl ist die Angst ‑ entgegen Martin Heidegger und Otto Friedrich Bollnow aber in Übereinstimmumg mit dem ontologischen Verständnis der Stimmungen von Martin Heidegger ‑ nicht als Stimmung, sondern als Gefühl zu qualifizieren. Da sich das Dasein seinen Grundgegebenheiten nicht entziehen kann, geht in der Alltäglichkeit, in der das Dasein nicht vor sich selbst als solches gebracht ist, das mit den Grundgegebenheiten verbundene Gefühl der Angst zusammnen mit anderen Gefühlen in die Stimmung ein. Deshalb ist mit dem Leben des Menschen untrennbar die Angst verbunden und jede Stimmung immer in irgendeiner Weise auf die Angst bezogen. Damit kann es entgegen Otto Friedrich Bollnow keine von der Angst unabhängigen gehobenen Stimmungen geben, die etwas zur Erschließung des Daseins beitragen könnten. Dementsprechend wird entgegen Otto Friedrich Bollnow das Bild des Menschen nicht dadurch in eine einseitige Richtung gedrängt, daß Martin Heidegger auch die gehobenen Stimmungen nur in Bezug zur Angst sieht, sondern offen gelegt. Dieses aufgrund des ontologischen Ansatzes gewonnene Ergebnis zur Bedeutung der Angst für die Erschließung des Daseins kann nicht durch anthropologische Überlegungen in Frage gestellt werden. Das gilt auch für die Untersuchung von Otto Friedrich Bollnow zu den verschiedenen gehobenen und gedrückten Stimmungslagen, durch die er zeigen will, daß jede von ihnen zur Kenntnis der allgemeinen Wesensverfassung des Menschen etwas Neues hinzufügt, das auf keine andere Weise zu gewinnen gewesen wäre.
Vor dem Hintergrund, daß im Hinblick auf die Grundgegebenheiten des Daseins nicht nur die gedrückten Stimmungen, sondern auch die gehobenen Stimmungen von vorn herein auf die Angst bezogen sind, und das Dasein ‑ wie Martin Heidegger herausgearbeitet hat ‑ immer irgendwie gestimmt ist, ergibt sich, daß die Angst in zeitlicher Hinsicht einen umfassenden Raum im Leben des Menschen einnimmt. Die philosophischen Bemühungen zur Klärung des Phänomens der Angst zeigen somit, daß die Angst nicht als etwas angesehen werden kann, was es eigentlich nicht geben dürfte, sondern daß die Angst als zum Dasein gehörend zuzulassen ist.
So kann zwar Otto Friedrich Bollnow nicht nachweisen, daß es von der Angst unabhängige gehobene Stimmungen gibt, aber seine Überlegungen zu den Auswirkungen der gehobenen und gedrückten Stimmungen sind die Grundlage für das in der vorliegenden Untersuchung herausgearbeitete Ergebnis, daß in der Angst, die nach Martin Heidegger die Bedingung für die Freiheit zum eigensten Sein-können ist, das Dasein im Entwerfen auf des eigenste Sein-können im gestimmten Verstehen aufgrund der lähmenden Wirkung der Angst stecken bleibt. Hinsichtlich der Auswirkungen der Angst auf das Leben des Menschen hat sich somit als wesentlich herausgestellt, daß der Angst einerseits eine das Leben fördernde Kraft zukommt, weil sie die Bedingung für die Freiheit zum eigensten Sein-können ist, aber zugleich diese Kraft wieder verschließt.
Es kann aber auch gezeigt werden, daß für Martin Heidegger das Leben in der Alltäglichkeit nicht zwangsläufig ein Leben in der Uneigentlichkeit ist, und er nicht nur die die Angst verdeckende gehobene Stimmung, sondern auch die der Angst enthebende gehobene Stimmung kennt, und dies in den Sätzen zum Ausdruck kommt: “Und wiederum kann die gehobene Stimmung der offenbaren Last des Seins entheben; auch diese Stimmungsmöglichkeit erschließt, wenngleich enthebend, den Lastcharakter des Daseins.”[3] Aber “zumeist kehrt sie sich (die Stimmung) nicht an den in ihr offenbaren Lastcharakter des Daseins, am wenigsten als Enthobensein in der gehobenen Stimmung.”[4]
Dieses Enthobensein vom Lastcharakter des Daseins ist aber nur denkbar, wenn ‑ wie in der vorliegenden Untersuchung ‑ die Angst als Gefühl qualifiziert wird, und das Gefühl der Angst, das durch die Grundgegebenheiten des Daseins, die Geworfenheit, entsteht, durch entsprechende Gegengefühle nicht nur verdeckt, sondern aufgehoben wird. Wenn aber Gegengefühle gegen die Angst die Angst nicht nur verdecken, sondern aufheben, kann von einer Abkehr oder einem Ausweichen in die Uneigentlichkeit des Daseins nicht mehr gesprochen werden. Dann bleibt die Freiheit für das eigenste Sein-können auch in der gehobenen Stimmung erhalten, und es ist auch in der Alltäglichkeit unter der Voraussetzung, daß es sich bei der gehobenen Stimmung um eine der Angst enthebende gehobene Stimmung handelt, ein Leben in der Eigentlichkeit möglich.
Sofern es sich um die der Angst enthebende gehobene Stimmung handelt, kommt ihr die von Otto Friedrich Bollnow herausgearbeitete aufschließende Kraft der gehobenen Stimmungen zu, ohne den Zugang zum eigensten Seinkönnen zu verschließen. In dieser Weise sind die anthropologischen Erkenntnisse von Otto Friedrich Bollnow ontologisch zu interpretieren. So ist entgegen Otto Friedrich Bollnow auch bei Martin Heidegger ‑ sofern man die Angst als Gefühl versteht ‑ nicht jede Freude zwangsläufig Verfallenheit. Es kann somit vor dem Hintergrund der Interpretation der Angst als Gefühl auch auf dem Boden von “Sein und Zeit” Otto Friedrich Bollnow insoweit zugestimmt werden, daß auch den gehobenen Stimmungen, wenn es sich dabei um der Angst enthebende gehobene Stimmungen handelt, eine das Leben in seiner Eigentlichkeit aufschließende Bedeutung zukommt.
Zur Klärung der Bedeutung von Geborgenheit und Selbstwertgefühl für die Erschließung des Daseins wird daher deren Bedeutung für die der Angst enthebenden gehobene Stimmung untersucht.
Die Bedeutung von Geborgenheit und Selbstwertgefühl für jede gehobene Stimmung und damit auch der der Angst enthebenden gehobenen Stimmung kann aus den Grundgegebenheiten des Daseins als der Ursache der Angst hergeleitet werden. Es wird herausgearbeitet, daß es bei der Angst als der Angst des Daseins um sich selbst entsprechend seiner existenzialen Verfassung immer um die Angst sowohl um das “ist” als auch um das “zu sein haben” geht. Die Angst um das “ist” gründet darin, daß das “Woher” und “Wohin” verhüllt ist. Der Mensch sieht sich daher, wenn er in der Angst vor sich selbst gebracht ist, einerseits schutzlos der Welt preisgegeben und ihrer Beliebigkeit ausgeliefert, andererseits weiß er sich der Sterblichkeit anheimgegben. Die Angst um das “zu sein haben” entsteht ebenfalls, weil das “Woher” und “Wohin” verhüllt ist. Dieses Verhülltsein läßt das “zu sein haben” ‑ angesichts der Vergänglichkeit des eigenen Daseins ‑ sinnlos erscheinen, wenn man in der Erfahrung des “Nichts” vor sich selbst als solches gebracht ist und daher die Welt und das Mitsein anderer nichts mehr zu bieten haben. Hat das eigene Sein als Sein-können aber keinen Sinn, ist damit das Gefühl verbunden, daß das eigene Sein wertlos ist. Das Selbstwertgefühl bricht zusammen.[5] Als Folge fühlt man sich gelähmt und hat Angst vor dem Tag und seinen Anforderungen. Dadurch ist das Entwerfen auf das eigenste Seinkönnen bis hin zur Unmöglichkeit beeinträchtigt. Daraus folgt die Angst um das “zu sein haben”. Daher ist die Angst, wenn man in der Erfahrung des “Nichts” vor sich selbst als solches gebracht ist, nicht nur im Hinblick auf das “ist” von der Unheimlichkeit, sondern auch im Hinblick auf das “zu sein haben” vom mangelnden Selbstwertgefühl geprägt. Der Angst entpringt damit das Bedürfnis nach Geborgenheit und nach Selbstwertgefühl, wobei das Bedürfnis nach Geborgenheit darin gründet, daß das Dasein gestimmt versteht, daß es “ist” und das Bedürfnis nach Selbstwertgefühl darin, daß das Dasein gestimmt versteht, daß es “zu sein hat”.
Vor diesem Hintergrund können in der vorliegenden Untersuchung Geborgenheit und Selbstwertgefühl als die beiden Säulen jeder gehobenen Stimmung und damit auch der der Angst enthebenden gehobenen Stimmung herausgearbeitet werden. Darin kommt die grundlegende Struktur des emotionalen Lebens des Menschen zum Ausdruck. Dieses Ergebnis steht in einem auffallenden Mißverhältnis zu der in der Einleitung dargestellten Beachtung, die die Geborgenheit und das Selbstwertgefühl in der Psychologie finden.
Als die beiden Säulen jeder gehobenen Stimmung sind Geborgenheit und Selbstwertgefühl die Voraussetzungen dafür, daß sich das Erschließen des Daseins entsprechend seiner existenzialen Verfassung als das Sich-entwerfen-im-gestimmten-Verstehen-des-eigensten Sein-könnens vollziehen kann. Daraus ergibt sich die Bedeutung von Geborgenheit und Selbstwertgefühl für die Erschließung des Daseins.
Das Dasein hat auch ein Bedürfnis nach Geborgenheit und Selbstwertgefühl, da das Dasein ‑ wie Martin Heidegger herausgearbeitet hat ‑ Seiendes ist, dem es in seinem Sein immer um dieses selbst geht, und es gestimmt versteht, daß es nicht nur “ist”, sondern auch “zu sein hat”. Es ist daher bestrebt, die mit den Grundgegebenheiten des Daseins verbundene Angst und die damit einhergehende lähmende Wirkung zu überwinden und zu einer gehobenen Stimmung zu gelangen. Das Bedürfnis nach Geborgenheit und Selbstwertgefühl findet daher ‑ wie aufgrund der Betrachtungen des Alltags im Ersten Kapitel vermutet ‑ in der Angst um uns selbst seine Grundlage.
Dementsprechend kann aufbauend auf den fundamentalontologischen Forschungen von Martin Heidegger nachgewiesen werden, daß die Ursache für das Bedürfnis nach Geborgenheit und Selbstwertgefühl in der untrennbar zum Leben des Menschen gehörenden und sich deshalb in jeder Simmung in irgendeiner Weise wiederfindenden Angst einerseits und andererseits im “gestimmten Verstehen” des “Zu-sein-habens” des Daseins, dem es in in seinem Sein immer um dieses selbst geht, zu sehen ist. Das Bedürfnis nach Geborgenheit und Selbstwertgefühl nimmt deshalb den gleichen umfassenden Raum in zeitlicher Hinsicht im Leben des Menschen ein wie die Angst.
Die Auswirkungen von Geborgenheit und Selbstwertgefühl auf das Leben des Menschen als die beiden Säulen der gehobenen Stimmung werden durch die Ausführungen von Otto Friedrich Bollnow zu der aufschließenden Kraft der gehobenen Stimmungen deutlich: Nur in einer hinreichend glücklichen Gesamtverfassung sind die Menschen in der Lage, ihren Aufgaben gerecht zu werden und die in ihnen liegenden Möglichkeiten zu entfalten.
Die Auseinandersetzung mit den Standpunkten von Otto Friedrich Bollnow und Martin Heidegger zur Einbindung der Angst in das Leben des Menschen spiegelbildlich zu den hier interessierenden Fragen zur Einbindung von Geborgenheit und Selbstwertgefühl in das Leben des Menschen kann somit für die Kärung dieser Fragen fruchtbar gemacht werden. Dabei findet die Vermutung im Ersten Kapitel aufgrund der Betrachtungen von Geborgenheit und Selbstwertgefühl im Alltag, wonach das Selbstwertgefühl in zeitlicher Hinsicht in der gleichen umfassenden Weise für das Leben von Bedeutung zu sein scheint wie die Geborgenheit und ‑ ähnlich wie die Geborgenheit ‑ die Grundlage für die Entfaltung der im Menschen liegenden Möglichkeiten zu bildet, ihre Bestätigung.
Zugleich können hierdurch die Ergebnisse der empirischen Untersuchung von Hans Mogel erklärt werden, wonach die Geborgenheit ein höchst zentraler Lebensinhalt eines jeden Individuums zu sein scheint und sowohl Frauen als auch Männern gemeinsam sei, daß sie sich von der frühesten Kindheit an bis ins hohe Alter nach Geborgenheit sehnen würden und sie suchten. Die für Hans Mogel offen gebliebene Frage, warum dies so sei, ist damit gelöst.
Die Ergebnisse der vorliegenden Untersuchung zur Seinsverfassung des Menschen auf fundamentalontologischer Grundlage stimmen auch mit der Feststellung von Bernhard Hassenstein überein, wonach für das Kind andauernde Ungeborgenheit Unruhe und Angst mit sich bringt, und daß dadurch um so nachhaltiger seine sonstigen Regungen unterdrückt und die Verhaltensentwicklung beeinträchtigt werden, je mehr und je länger diese Unruhe und Angst das Innere eines Kindes erfüllen.
Damit Geborgenheit und Selbstwertgefühl das Erschließen des Daseins entsprechend seiner existenzialen Verfassung als das Sich-entwerfen-im-gestimmten-Verstehen-des-eigensten-Sein-könnens ermöglich können, müssen die der Geborgenheit und dem Selbstwertgefühl zugrunde liegenden Gegebenheiten jedoch so ausgestaltet sein, daß sie die Angst nicht verdecken, sondern der Angst entheben als Voraussetzung für ein Leben in der Eigentlichkeit. Die grundlegenden Auswirkungen von Geborgenheit und Selbstwertgefühl auf das Leben des Menschen liegen dann darin, daß sie sowohl den Zugang zum eigensten Seinkönnen als auch zugleich das Entwerfen auf das eigenste Seinkönnen im gestimmten Verstehen ermöglichen.
Dabei ist die der Angst enthebende gehobene Stimmung als Voraussetzung für das eigenste Ganzsein-können als das Ziel des Bedürfnisses nach Geborgenheit und Selbstwertgefühl anzusehen, weil das Dasein Seiendes ist, dem es in seinem Sein immer um dieses selbst geht. In dem Bedürfnis nach Geborgenheit und Selbstwertgefühl liegt letztlich die Sehnsucht nach sich selbst als die eigentliche Sehnsucht das Daseins, dem es in seinem Sein um dieses selbst geht als die grundlegenste Motivation des Lebens.
Vor dem Hintergrund, daß die der Angst enthebende gehobene Stimmung das Ziel des Bedürfnisses nach Geborgenheit und Selbstwertgefühl ist, liegt im Erreichen der der Angst enthebenden gehobenen Stimmung die vollinhaltliche Befriedigung des Bedürfnisses nach Geborgenheit und Selbstwertgefühl. Die Voraussetzungen für die vollinhaltliche Befriedigung des Bedürfnisses nach Geborgenheit und Selbstwertgefühl und für die der Angst enthebenden gehobene Stimmung fallen daher zusammen. Die Klärung der Voraussetzungen für die der Angst enthebenden gehobene Stimmung wird somit in der vorliegenden Untersuchung für die Klärung der Voraussetzungen für die vollinhaltliche Befriedigung des Bedürfnisses nach Geborgenheit und Selbstwertgefühl als die weitere nach der Einbindung von Geborgenheit und Selbstwertgefühl in das Leben des Menschen aufgeworfene Grundfrage herangezogen. Dabei liegt die Bedeutung der Klärung der Voraussetzungen für die vollinhaltliche Befriedigung des Bedürfnisses nach Geborgenheit und Selbstwertgefühl vor dem Hintergrund, daß die vollinhaltliche Befriedigung des Bedürfnisses nach Geborgenheit und Selbstwertgefühl und die der Angst enthebende gehobene Stimmung als Voraussetzung für das eigenste Seinkönnen zusammenfallen, darin, daß sich daraus die Voraussetzungen für das eigenste Sein-können ergeben. Es geht dabei letztlich darum, dem Menschen “ein für die Aufgaben und Geschenke der Welt geöffnetes Dasein”[6] in der Eigentlichkeit zu ermöglichen.
Zur Klärung der Voraussetzungen für die der Angst enthebenden gehobene Stimmung wird zwei Fragen nachgegangen.
Zum einen wird versucht, die der Angst enthebende gehobene Stimmung näher zu charakterisieren, weil mit dieser Stimmung die vollinhaltliche Befriedigung des Bedürfnisses nach Geborgenheit und Selbstwertgefühl einhergeht, und daher die der Angst enthebende gehobene Stimmung zum Indikator für die volle Befriedigung des Bedürfnisses nach Geborgenheit und Selbstwertgefühl wird. Zum anderen wird vermutet, daß sich aus der Analyse der aus den Grundgegebenheiten des Daseins abzuleitenden Ursachen der Angst Hinweise dafür ergeben, unter welchen Voraussetzungen Geborgenheit und Selbstwertgefühl die der Angst enthebende gehobene Stimmung herbeiführen.
Hierfür werden die von Otto Friedrich Bollnow untersuchten gehobenen Stimmungen und die Voraussetzungen für deren Entstehung in seinen Schriften “Das Wesen der Stimmungen” und “Neue Geborgenheit” sowie die von Martin Heidegger unterschiedenen zwei Arten von gehobenen Stimmungen näher betrachtet. Dabei ist zu berücksichtigen, daß sich für Otto Friedrich Bollnow die Frage nach den Voraussetzungen für die der Angst enthebenden gehobene Stimmung nicht stellt, weil er die der Angst enthebende gehobene Stimmung nicht von den die Angst verdeckenden gehobenen Stimmungen unterscheidet. Aber auch von Martin Heidegger werden die Voraussetzungen für die der Angst enthebenden gehobenen Stimmung nicht ausdrücklich diskutiert.
Im Rahmen der Untersuchung stellt sich die Glückseligkeit im Sinne von Otto Friedrich Bollnow als der “Zustand einer letzten und tiefsten Beglückung”[7], der durch Reinheit und Stille gekennzeichnet ist, als geeignete Beschreibung der der Angst enthebenden gehobenen Stimmung heraus, und aus den Ausführungen von Martin Heidegger kann hergeleitet werden, daß man sich in der der Angst enthebenden gehobenen Stimmung von jeglichem Druck befreit fühlt.
Als Voraussetzungen für diese der Angst enthebenden gehobene Stimmung ergeben sich bei Otto Friedrich Bollnow das im Glauben verstetigte Gefühl der unbedingten Geborgenheit im Unendlichen, das in unerklärlicher Weise aus dem “Nichts” aufsteigt, wenn alle tragenden Lebensbezüge weggebrochen sind, sowie die darauf aufbauende bejahende Grundhaltung zum Leben mit ihren verschiedenen Formen. Zu diesen Formen gehören Dankbarkeit, Hoffnung, Mut, Geduld und Verfügbarkeit.
Bei Martin Heidegger kann in der “gerüsteten Freude”[8], die sich in der “vorlaufenden Entschlossenheit”[9] als Gegengefühl gegen die “nüchterne Angst”[10] einstellt, die Voraussetzung für die der Angst enthebenden gehobene Stimmung gesehen werden. Dieser Auslegung liegt zugrunde, daß die Angst entsprechend des in der vorliegenden Untersuchung herausgearbeiteten Wesensunterschieds der Stimmungen von den Gefühlen als Gefühl zu verstehen ist.
Um zu klären, inwieweit damit die abschließenden Voraussetzungen für die der Angst enthebenden gehobenen Stimmung bereits gefunden sind, wird untersucht, ob dadurch die aus den Grundgegebenheiten des Daseins abzuleitenden Ursachen der Angst aufgehoben werden.
Da die Angst darin gründet, daß das “Woher” und “Wohin” verhüllt ist, kann die Angst nur dann von der Wurzel her aufgehoben werden, wenn die Gegengefühle aus dem verhüllten “Woher und Wohin” aufsteigen. Eine solche in die Erfahrungsmöglichkeiten des Daseins eindringende “Botschaft” ist das in unerklärlicher Weise aus dem “Nichts” aufsteigende Gefühl der unbedingten Geborgenheit im Unendlichen im Sinne von Otto Friedrich Bollnow. Das Erfahren des aufsteigenden Gefühls der Geborgenheit im Unendlichen gehört zwar dem phänomenologischen Bereich an, aber es ist ein sehr flüchtiges Gefühl. Zu einem über den Augenblick hinausgehenden Gegengefühl gegen die Angst kann es daher nur werden, wenn es der Mensch verstetigt in dem Glauben, daß es sich hier um ein Gefühl handelt, das ihm als Geschenk und als Gnade die Geborgenheit im Unendlichen, das heißt im verhüllten “Woher und Wohin” zugänglich machen soll.
Dieses in unerklärlicher Weise aus dem “Nichts” aufsteigende Gefühl der unbedingten Geborgenheit im Unendlichen im Sinne von Otto Friedrich Bollnow ist nicht nur geeignet, das Gefühl der Unheimlichkeit sondern auch das mangelnde Selbstwertgefühl von der Wurzel her aufzuheben. Von daher begreifen wir uns als aus dem Ursprung, dem “Woher”, gerade so hervorgegangen, wie es vom Ursprung her gesehen sein sollte, um diesem Ursprung entsprechend unser eigenstes Sein zu sein. Darin liegt die Überantwortung an uns selbst. Der Wert dieses Selbst-seins ist gegenüber jedem Anders-sein vom verhüllten “Woher und Wohin” aus gesehen unüberholbar. Da das in diesem Gefühl der Geborgenheit liegende Getrost-sein hinüber weist in die Zukunft, daß alles im letzten einen Sinn hat, wird von daher das Entwerfen auf das eigenste Seinkönnen entsprechend der Überantwortung an uns selbst “sinnvoll”. Glaubend können wir uns so auf unser eigenstes Seinkönnen hin entwerfen in dem Bewußtsein, daß diesem Entwerfen auf das eigenste Seinkönnen ein unüberholbarer Wert zukommt.
In diesem Bewußtsein liegt das Selbstwertgefühl in dem im Ersten Kapitel herausgearbeiteten eigentlichen Sinne. Danach bedeutet Selbstwertgefühl im eigentlichen Sinne, daß das Selbstwertgefühl vom Wert des Selbst[11] als solchem bestimmt wird, unabhängig von Maßstäben, die außerhalb des Selbst liegen. Dann trägt das Selbst den Wertmaßstab in sich. Diesem Selbstwertgefühl im eigentlichen Sinne wird im Ersten Kapitel das Selbstwertgefühl im uneigentlichen Sinne gegenüber gestellt, das abhängig ist von Maßstäben, die außerhalb des Selbst liegen. Es zeigt sicht, daß das voll befriedigte Selbstwertgefühl nur das Selbstwertgefühl im eigentlichen Sinne sein kann.
Zur Bewahrung des Gefühls der Geborgenheit im Unendlichen und des damit einhergehenden eigentlichen Selbstwertgefühls gehört ‑ wie gezeigt werden kann ‑ der eigene Beitrag, sein eigenstes Sein zu sein, weil das Dasein sich vom Unendlichen her, als dem “Ursprung” des eigenen Seins, sich an sich selbst überantwortet begreift, sein eigenstes Sein zu sein. Dabei ist die Überantwortung des Daseins an sich selbst, sein eigenstes Sein zu sein, letztlich die Begründung dafür, daß das Dasein Seiendes ist, dem es in seinem Sein immer um dieses selbst geht.
Daraus ergibt sich, daß in der der Angst enthebenden gehobenen Stimmung das Dasein “versteht”, warum es nur dann keine Angst um sich selbst hat, wenn es entsprechend der Überantwortung sich selbst ist, und es nach der der Angst enthebenden gehobenen Stimmung strebt, um sich selbst sein zu können. Der “Grund” für das Ziel, das eigenste Sein zu sein[12], ermöglicht danach durch das aus ihm in unerklärlicher Weise aufsteigende Gefühl der Geborgenheit zugleich das eigenste Seinkönnen.
Der eigene Beitrag, sein eigenstes Sein zu sein, setzt die verstetigte “vorlaufenden Entschlossenheit” im Sinne von Martin Heidegger, in der das Dasein “im Denken an den Tod” zum eigensten Seinkönnen entschlossen ist, voraus. Dieses Sein des Dasein muß von einer bejahenden Grundhaltung zum Leben in den von Otto Friedrich Bollnow herausgearbeiteten Formen geprägt sein, als Voraussetzung für die der Angst enthebenden gehobene Stimmung, die wiederum das weitere Entwerfen auf das eigenste Seinkönnen ermöglicht.
Als Voraussetzung für die der Angst enthebende gehobene Stimmung und damit die vollinhaltliche Befriedigung des Bedürfnisses nach Geborgenheit und Selbstwertgefühl hat sich so das im Glauben verstetigte Gefühl der Geborgenheit im Unendlichen mit dem damit einhergehenden eigentlichen Selbstwertgefühl herausgestellt, das im Entwerfen auf das eigenste Seinkönnen in der “vorlaufenden Entschlossenheit” im Sinne von Martin Heidegger ‑ geprägt von einer bejahenden Grundhaltung zum Leben in den von Otto Friedrich Bollnow herausgearbeiteten Formen ‑ bewahrt werden kann. Zugleich aktualisiert sich im eigensten Seinkönnen immer neu das Selbstwertgefühl, weil ‑ gegründet auf die Geborgenheit im Unendlichen ‑ gerade im eigensten Seinkönnen der unüberholbare Wert des Selbst liegt und der Sinn des Daseins erfahren werden kann.
Es wird dargelegt, daß nur vor diesem Hintergrund die “gerüstete Freude” möglich ist, die sich bei Martin Heidegger in ihrer Eigenschaft als Gegengefühl gegen die “nüchterne Angst” als Voraussetzung für die der Angst enthebenden gehobene Stimmung herausgestellt hat. Der “gerüsteten Freude” kommt dann zurecht diese Funktion zu. Somit hat sich bei der Interpretation der “gerüsteten Freude”, die Martin Heidegger im Hinblick auf seinen phänomenologischen Ausgangspunkt mit Recht ablehnt, ergeben, daß die “gerüstete Freude” der Ort ist, an dem sich daseinsanalytisch der Raum für dem Glauben öffnet.
Somit ist die der Angst enthebende gehobene Stimmung nur auf religiösem Boden möglich. Der Glaube ist damit die Möglichkeit, die dem Menschen den Mut geben kann, sich in der “vorlaufenden Entschlossenheit” im Sinne Martin Heideggers der Angst auszusetzen, weil er dann im Glauben die Gegengefühle entwickeln kann, die notwendig sind, um zu einer der Angst enthebenden gehobenen Stimmung zu gelangen als Vorausseztung für das eigenste Seinkönnen. Dieses Ergebnis läßt Impulse für die Religionspädagogik[13] und Pastoralpsychologie[14] erwarten.
Demgegenüber wird ausgeführt, daß die Suche nach der der Angst enthebenden gehobenen Stimmung und damit nach der vollinhaltlichen Befriedigung des Bedürfnisses nach Geborgenheit und Selbstwertgefühl allein im endlichen Leben erfolglos bleiben muß. Hierdurch bestätigt sich die Vermutung im Ersten Kapitel, daß im Alltag das Bedürfnis nach Geborgenheit und Selbstwertgefühl keine volle Befriedigung finden kann.
Vor diesem Hintergrund werden für die abschließende Klärung der Voraussetzungen für die der Angst enthebende gehobene Stimmung und damit für die vollinhaltliche Befriedigung des Bedürfnisses nach Geborgenheit und Selbstwertgefühl zwei Fragen untersucht:
1. Wie läßt sich das eigenste Seinkönnen als der eigene Beitrag zur Erhaltung des Gefühls der im Glauben erfahrenen Geborgenheit im Unendlichen im einzelnen verwirklichen?
2. Unter welchen Voraussetzungen kann die vollinhaltliche Befriedigung des Bedürfnisses nach Geborgenheit und Selbstwertgefühl auch dann noch erreicht werden, wenn das Dasein hinter dem eigensten Seinkönnen, das immer ein Ganzseinkönnen ist, zurückbleibt?
Bei der Frage, wie sich das eigenste Seinkönnen als der eigene Beitrag zur Erhaltung des Gefühls der im Glauben erfahrenen Geborgenheit im Unendlichen im einzelnen verwirklichen läßt, geht es um zwei Aspekte: Wie erschließt sich dem Dasein, welche der sich ihm bietenden Möglichkeiten beim Entwerfen auf das eigenste Seinkönnen jeweils zu ergreifen sind, und wie kann das Entwerfen auf das eigenste Seinkönnen entsprechend dem, was sich dem Dasein als eigenstes Seinkönnen erschließt, verwirklicht werden.
Für die Klärung dieser Fragen werden die Überlegungen von Martin Heidegger zur Erschließung des Daseins weiterentwickelt.
Im Mittelpunkt des Erschließens des eigensten Seinkönnens steht der in der vorliegenden Untersuchung herausgearbeitete “individuelle Stimmungsuntergrund”. Diese vom Selbst bestimmte Komponente fließt in die Stimmung als Einheit von Selbst und Welt ein. Der “individuelle Stimmungsuntergrund” kann zwar nie wahrgenommen werden, weil wir schon immer in der Welt sind und daher die Stimmung immer eine Einheit von Selbst und Welt ist. Es kann jedoch gezeigt werden, daß der “individuelle Stimmungsuntergrund” als die vom Selbst bestimmte in die Stimmung einfließende Komponente von Reinheit und Ruhe gekennzeichnet und frei von jeder Bedrückung ist. Demgegenüber ergibt sich aus den Ausführungen zur Bedeutung der Angst für die Erschließung des Daseins, daß die Angst und die damit einhergehende Beunruhigung und Bedrückung in der Stimmung nicht im Wesen des Menschen verankert sind, sondern aus dem Verhältnis des Menschen zur Welt herrühren, weil “das Wovor der Angst .. die Welt als solche”[15] ist.
Dem in die Stimmung einfließenden individuellen Stimmungsuntergrund kommen damit diejenigen Eigenschaften zu, die Otto Friedrich Bollnow der Glückseligkeit zuschreibt und die als die der Angst enthebende gehobene Stimmung erkannt wurde. In der der Angst enthebenden gehobenen Stimmung wird demnach die gegenüber der durch die Angst bedingten Beunruhigung ursprünglichere Beruhigung wiederhergestellt. Die der Angst enthebende gehobene Stimmung zeigt damit an, daß das Selbst ungehindert von der “Welt” zum Ausdruck gelangt und damit das “In-der-Welt-sein” von der Art ist, daß es dem Selbst entspricht. Dabei ist die Frage nach dem “Selbst” des Menschen immer auch die Frage nach dem eigensten Sein-können, weil “das Dasein je nur existierend sein Selbst ist”[16]. So kann die der Angst enthebende gehobene Stimmung als Handlungsorientierung für das Entwerfen auf das eigenste Seinkönnen dienen. Hier zeigt sich die eigentliche Bedeutung des gestimmten Seinsverständnisses. Dieses Entwerfen auf das eigenste Seinkönnen muß ‑ wie sich aus den Untersuchungen von Martin Heidegger ergibt ‑ immer das Sein hin zum Ende, das Sein zum Tode, und damit das gesamte Leben im Blick haben, weil es bei dem Entwerfen auf das eigenste Seinkönnen immer um das eigenste Ganzseinkönnen geht.
Dabei aktualisiert sich bereits in der Erfahrung der der Angst enthebenden gehobenen Stimmung als “je meine”[17], in der man sich selbst erfahren kann, das eigenste Seinkönnen, da zum eigensten Seinkönnen auch das Sein in der dem Selbst zukommenden Stimmung gehört. Diese der Angst enthebende gehobene Stimmung, in der das Selbst erfahren werden kann, ist außerdem unabdingbare Vorausetzung für die Herausbildung des eigentlichen Selbstwertgefühls, da das Selbstwertgefühl nur auf der Erfahrung des Selbst aufbauen kann.
Im Entwerfen auf das eigenste Seinkönnen kann die im Glauben erfahrene der Angst enthebende gehobene Stimmung gehalten werden, während ein Entwerfen, das nicht dem eigensten Seinkönnen entspricht, den vom Selbst bestimmten individuellen Stimmungsuntergrund aus dem Rhythmus bringt. Damit ist die Angst um das eigenste Sein-können verbunden, weil zum eigensten Seinkönnen auch das Sein in der dem Selbst zukommenden Stimmung gehört. Dadurch wird die der Angst enthebende gehobene Stimmung beeinträchtigt.
Das Entwerfen auf das eigenste Ganzseinkönnen erfolgt als In-der-Welt-sein nicht im “luftleeren Raum” sondern im “In-sein” im Sinne von Martin Heidegger mit dem innerweltlich begegnenden Seienden von daseinsmäßigem und nicht daseinsmäßigem Charakter. Das Entwerfen auf das eigenste Seinkönnen ist damit auch davon abhängig, daß das innerweltlich begegnende Seiende die der Angst enthebende gehobene Stimmung nicht beeinträchtigt und das eigenste Seinkönnen zuläßt. Das Fördern oder Beeinträchtigen des eigensten Sein-könnens selbst oder der der Angst enthebenden gehobenen Stimmung durch das innerweltlich begegnende Seiende erlebt das Dasein als Zu- oder Abträglichkeit. Zuträgliches innerweltlich begegnendes Seiende bringt die dem individuellen Stimmungsuntergrund zukommende Schwingung nicht aus dem Rhythmus und löst damit angenehme Gefühle aus. Alles andere innerweltlich begegnende Seiende, das die dem individuellen Stimmungsuntergrund zukommende Schwingung aus dem Rhythmus bringt, wird vom Dasein, dem es in seinem Sein immer um dieses selbst geht, als abträglich empfunden, wodurch das Entwerfen auf das eigenste Sein-können erschwert wird und die Angst um das eigene Sein einhergeht. Daraus ergibt sich ein ständiges Bedürfnis nach zuträglichem innerweltlich begegnenden Seienden. Dieses zuträgliche innerweltlich begegnende Seiende vermittelt durch die damit einhergehende Verdrängung des abträglichen innerweltlich begegnenden Seienden und der damit verbundenen Angst Geborgenheit. Vor dem Hintergrund, daß das innerweltlich begegnende Seiende entweder als zu- ober abträglich erlebt wird, charakterisiert damit Geborgenheit ‑ neben der Ungeborgenheit ‑ eine der beiden möglichen Beziehungen zur Umwelt. Das im Glauben erfahrene Gefühl der Geborgenheit im Unendlichen hebt damit das ständige Bedürfnis nach Geborgenheit in der Alltäglichkeit nicht auf.
Zugleich trägt die Erkenntnis, daß das Erkennen der Zu- und Abträglichkeit des innerweltlich begegnenden Seienden in Abhängigkeit davon erfolgt, ob die dem individuellen Stimmungsuntergrund zukommende Schwingung aus dem Rhythmus gebracht wird oder nicht, zur vollen Klärung des Strukturmoments des “In-seins” des In-der-Welt-seins des Daseins im Sinne von Martin Heidegger in “Sein und Zeit” bei.
Vor diesem Hintergrund werden unter Einbeziehung der im Zweiten Kapitel herausgearbeiteten Struktur des In-der-Welt-seins im Sinne von Martin Heidegger in Wiederaufnahme der Betrachtungen zur Geborgenheit im Alltag im Ersten Kapitel die dort festgehaltenen Beobachtungen im Hinblick auf ihre Zuträglichkeit für das eigenste Seinkönnen interpretiert. Aber auch die Betrachtungen zum Selbstwertgefühl im Alltag im Ersten Kapitel werden wiederaufgenommen, weil beobachtet werden konnte, daß unser Selbstwertgefühl im Alltag im wesentlichen darauf beruht, wie andere uns einschätzen. Dabei geht es um die Frage, unter welchen Voraussetzungen die sich im Alltag herausbildende Geborgenheit und das Selbstwertgefühl im Dienste des eigensten Sein-könnens stehen und so zu der der Angst enthebenden gehobenen Stimmung beitragen.
Die Geborgenheit im Alltag als Grundlage für das eigenste Seinkönnen hängt einerseits von der Zuträglichkeit der räumlichen Umgebung und andererseits von der Zuträglichkeit des menschlichen Miteinanders ab.
Im Hinblick auf die Zuträglichkeit der räumlichen Umgebung und damit der Zuträglichkeit des innerweltlich begegnenden Seienden von nicht daseinsmäßigem Charakter steht der “Gefühlston des Bergenden”[18], der jedem umbauten Raum als Hohlraum mit Höhlencharakter zukommt, im Mittelpunkt. Die Zuträglichkeit des schützenden Raums liegt in seiner Bedeutung als Rückzugsmöglichkeit. Diese Rückzugsmöglichkeit als der Ort des “bleibenden Aufenthalts”[19] in Form der eigenen Wohnung wird um so mehr zur Heimat ‑ die höchste Stufe der Geborgenheit ‑, je länger man diesen Ort als Rückzugsmöglichkeit nutzt und je länger man glaubt, diesen Ort als Rückzugsmöglichkeit auch weiterhin ‑ am besten ein Leben lang ‑ zu nutzen. Hier zeigt sich die Bedeutung der Vertrautheit der Umgebung mit der damit verbundenen zeitlichen Dimension für das Gefühl der Geborgenheit. Bei dem Bedürfnis nach einem “höhlenartigen” und über alle Zeiten hinweg unveränderlichen Ort als Rückzugsmöglichkeit geht es um mehr als um Schutz und Sicherheit vor einer Bedrohung unseres Lebens und unseres Eigentums, um mehr als um Schutz vor Kälte und Regen, vor wilden Tieren und Übergriffen von Menschen. Dieses Bedürfnis ist vielmehr in den Grundgegebenheiten des Daseins verwurzelt. Der “höhlenartige” und über alle Zeiten hinweg unveränderliche Ort kann für das Dasein ‑ selbst körperhaft im Diesseits verhaftet ‑ das Fehlen der körperhaften Erfahrung der Geborgenheit durch die im Glauben erfahrene Geborgenheit im Unendlichen ergänzen. Diese Ergänzung bezieht sich auf die Geborgenheit im Unendlichen als tragender und unveränderlicher, nicht der Vergänglichkeit unterliegende “Grund” des Daseins, der das Dasein seiner existenzialen Verfassung entsprechend bis zum Tod begleitet. Daher können am besten solche Umstände eine Ergänzung der im Glauben erfahrenen Geborgenheit im Unendlichen bilden, von denen erwartet wird, daß sie das ganze Leben über fortdauern. Darin kommt die notwendige zeitliche Dimension der Geborgenheit vermittelnden Umstände zum Ausdruck.
Die Zuträglichkeit der eigenen Wohnung als Rückzugsmöglichkeit bleibt ohne das “liebende Miteinander”[20] in der ehelichen Gemeinschaft unvollkommen. Auf diese Weise nimmt die eheliche Gemeinschaft ‑ im traditionellen Sinne als “Bund für das Leben” verstanden ‑ an der Ergänzung der im Glauben fehlenden körperhaften Erfahrung der Geborgenheit im Unendlichen durch den “höhlenartigen” und über alle Zeiten des Lebens hinweg unveränderlichen Ort teil. Dabei können die Ehepartner mit den ihnen als Dasein zukommenden Möglichkeiten in spezifischer Weise neben dem “höhlenartigen” Ort die im Glauben erfahrene Geborgenheit im Unendlichen ergänzen. Die herausgearbeitete Ergänzungsfunktion des “höhlenartigen” und über alle Zeiten des Lebens hinweg unveränderlichen Ortes verbunden mit dem ehelichen Zusammenleben im Diesseits für das Fehlen der körperhaften Erfahrung der Geborgenheit im Unendlichen erklärt die im Ersten Kapitel getroffene Feststellung, daß das eheliche Zusammenleben im eigenen Haus die höchste Stufe der Geborgenheit vermittelt.
Wird das eheliche Zusammenleben und die eigene Wohnung in dieser Weise als Ergänzung für das Fehlen der körperhaften Erfahrung der Geborgenheit im Unendlichen verstanden, kann die dadurch als Geborgenheit erlebte Zuträglichkeit zu der der Angst enthebenden gehobenen Stimmung und damit zum eigensten Seinkönnen beitragen, weil bei diesem Verständnis die Grundgegebenheiten des Daseins und die damit verbundene Angst nicht verdeckt werden.
Wird dagegen das eheliche Zusammenleben und die eigene Wohnung als Ersatz für das verhüllte “Woher und Wohin” erlebt, kommt diesem innerweltlich begegnenden Seienden eine Funktion zu, die ihm nicht gemäß ist, und die es im Hinblick auf die Sterblichkeit des Menschen nicht erfüllen kann. Das Dasein befindet sich dann in der Uneigentlichkeit im Sinne von Martin Heidegger. In diesem Fall ist die Verhülltheit des “Woher und Wohin” noch nicht in den Blick genommen worden oder aus dem Blick geraten, weil sich das Dasein die Grundgegebenheiten des Daseins nicht vergegenwärtigt und damit im innerweltlich begegnenden Seienden “aufgeht.”[21] Durch dieses “Aufgehen” wird die aus den Grundgegebenheit des Daseins fließende Angst verdeckt, statt durch die im Glauben erfahrene Geborgenheit im Unendlichen von der Wurzel her aufgehoben zu werden. Die dadurch als Geborgenheit erlebte Zuträglichkeit kann nur zu einer gehobenen, aber nicht zu der der Angst enthebenden gehobenen Stimmung beitragen. In diesem Fall zeigt sich die im Aufgehen im innerweltlich begegnenden Seienden liegende Uneigentlichkeit im Sinne von Martin Heidegger als uneigentliche Geborgenheit. Diese Uneigentlichkeit versperrt den Weg zum eigensten Seinkönnen, weil damit die der Angst enthebende gehobene Stimmung nicht erreicht werden kann.
Für die Ausgestaltung der ehelichen Gemeinschaft zur Ergänzung der im Glauben fehlenden körperhaften Erfahrung der Geborgenheit im Unendlichen steht die hingebungsvolle liebende Zuwendung und verläßliche Fürsorge, wodurch sich die Partner innerlich aneinander binden, im Mittelpunkt. Außerdem ist wesentlich, daß sich die Partner gegenseitig das eigenste Seinkönnen ermöglichen. Darüber hinaus bestimmt sich die Zuträglichkeit des anderen für die eigene der Angst enthebende gehobene Stimmung und damit für das eigenste Seinkönnen danach, inwieweit dessen individueller Stimmungsuntergrund mit dem eigenen Stimmungsuntergrund übereinstimmt.
Außerdem zeigt sich, daß die eigene Wohnung und die eheliche Gemeinschaft als Rückzugsmöglichkeit in ihrer Teilhabe an der Ergänzung der im Glauben fehlenden körperhaften Erfahrung der Geborgenheit im Unendlichen wesentlich dazu beitragen, daß man sich in dieser Welt “heimisch” fühlt, und dies die Grundlage dafür ist, daß das innerweltlich begegnende Seiende insgesamt als zuträglich erlebt wird.
In den “Raum” der Geborgenheit, den die eigene Wohnung und die eheliche Gemeinschaft als Rückzugsmöglichkeit in ihrer Teilhabe an der Ergänzung der im Glauben fehlenden körperhaften Erfahrung der Geborgenheit im Unendlichen schaffen, sind die Kinder einbezogen.
Aber auch die nähere und weitere räumliche Umgebung und das soziale Umfeld, das wir zum Entwerfen auf das eigenste Seinkönnen benötigen, wird nur dann als zuträglich erlebt, wenn die Gegebenheiten so ausgestaltet sind, daß man sich entsprechend seiner individuellen Wesensstruktur wohl fühlt. Die so begründete Zuträglichkeit rührt daher, daß in diesem Fall die dem vom Selbst bestimmten individuellen Stimmungsuntergrund zukommende Schwingung ungehindert zum Ausdruck gelangt. Dabei richtet sich der notwendige Grad der Übereinstimmung mit dem individuellen Stimmunguntergrund des anderen nach der jeweiligen Situation.
Das Entwerfen auf das eigenste Seinkönnen, in dessen Dienst die Geborgenheit im Alltag steht, kommt als Weltoffenheit zum Ausdruck. Dies konkretisiert das im Ersten Kapitel gefundene Ergebnis, daß Geborgenheit die Grundlage für die Weltoffenheit ist.
Ausgangspunkt für die Frage, unter welchen Voraussetzungen das im Alltag herausgebildete Selbstwertgefühl im Dienste des eigensten Sein-könnens steht, ist die Beobachtung, daß im menschlichen Miteinander unser Selbstwertgefühl im Wesentlichen davon abhängt, inwieweit wir den Erwartungen der uns umgebenden Menschen und den Wertmaßstäben der Gesellschaft genügen. Hierbei handelt es sich um ein Selbstwertgefühl im uneigentlichen Sinne, das von Maßstäben abhängig ist, die außerhalb des Selbst liegen. Wenn wir zur Erhaltung und zur Erhöhung dieses Selbstwertgefühls unser Verhalten und unsere Ziele, die wir anstreben, an den Erwartungen der uns umgebenden Menschen und an den Wertmaßstäben der Gesellschaft orientieren, ist ‑ wie in der vorliegenden Untersuchung herausgearbeitet wird ‑ unsere Seinsart die “Uneigentlichkeit” im Sinne von Martin Heidegger, in der das Belieben der Anderen über die alltäglichen Seinsmöglichkeiten des Daseins verfügt und sich deshalb dem Dasein “das eigenste Seinkönnen verbirgt.”[22] Die Uneigentlichkeit wird um des dadurch erreichbaren Selbstwertgefühls willen “gelebt”. Dadurch wird verhindert, daß angesichts des verhüllten “Woher und Wohin” das “Nichts” aufbricht und sich darin die Wertlosigkeit unseres Seins offenbart. Dies fördert die gehobene Stimmung. Das ist attraktiv, weil wir schon immer verstanden haben, daß wir unserer existenzialen Verfassung entsprechend nicht nur sind, sondern auch zu sein haben, und dies durch eine gehobene Stimmung begünstigt wird. Hierdurch kann die im Ersten Kapitel getroffene Feststellung erklärt werden, daß die von außen herangetragenen Erwartungen und Wertmaßstäbe einen erheblichen Einfluß auf unser Verhalten und auf die Ziele haben, die wir anstreben.
Bei diesem Selbstwertgefühl auf Grund rationaler Selbsteinschätzung in Abhängigkeit von Maßstäben, die außerhalb des Selbst liegen, beschleicht uns aber ‑ wie im Ersten Kapitel ausgeführt ‑ immer die Angst, weniger wert zu sein als andere. Außerdem ist dieses Selbstwertgefühl deswegen bedroht, weil es von unserer eigenen Leistungsfähigkeit abhängt, die auch versagen kann. Darüberhinaus geht mit diesem uneigentlichen Selbstwertgefühl deshalb die Angst einher, weil es nur durch ein Verhalten aufrechterhalten werden kann, das sich an Maßstäben orientiert, die von außen an das Selbst herangetragen werden. Durch dieses Verhalten kommt ‑ soweit es nicht dem eigensten Seinkönnen entspricht ‑ die dem individuellen Stimmungsuntergrund zukommende Schwingung aus dem Rhythmus, womit die Angst um das eigenste Seinkönnen verbunden ist. Von dieser Angst geht eine bedrückende Wirkung aus, so daß von einem Entfremdungsdruck gesprochen werden kann, der mit dem uneigentlichen Selbstwertgefühl einhergeht. Das uneigentliche Selbstwertgefühl ist daher immer ein bedrohtes Selbstwertgefühl. Indem das menschliche Miteinander das uneigentliche Selbstwertgefühl fördert, steht es somit nicht im Dienste des eigensten Seinkönnens, sondern behindert es.
Beim Selbstwertgefühl im eigentlichen Sinn entfällt demgegenüber die Angst, weniger wert zu sein als andere, die Angst um das Selbstwertgefühl, weil die eigene Leistungsfähigkeit auch versagen kann, oder die Angst, die damit einhergeht, daß man sich an Maßstäben orientiert, die außerhalb des Selbst liegen.
Es wird herausgearbeitet, daß im Alltag das eigentliche Selbstwertgefühl und damit die der Angst enthebende gehobene Stimmung als Voraussetzung für das eigenste Seinkönnen dadurch gefördert werden kann, daß man die Begegnung mit der Natur sucht oder einer Beschäftigung nachgeht, bei der man seine eigenen Gefühle und die Freude an der eigenen Leistungsfähigkeit als solcher erleben kann, ohne der Beurteilung durch andere ausgesetzt zu sein. Weiterhin können wir auch im Umgang miteinander dadurch das Selbstwertgefühl im eigentlichen Sinne fördern, indem wir den “Wert” des anderen nicht an Maßstäben messen, die außerhalb ihm selbst liegen. Das ist dort der Fall, wo wir den anderen so annehmen, wie er ist. Imdem das menschliche Miteinander das Selbstwertgefühl im eigentlichen Sinne fördert, steht es daher im Dienste des eigensten Seinkönnens .
Vor diesem Hintergrund ergibt sich die Aufgabe für das Dasein, die Umgebung und die sozialen Kontakte möglichst so auszuwählen und zu gestalten, daß das Gefühl der Geborgenheit und das eigentliche Selbstwertgefühl als Voraussetzung für das eigenste Seinkönnen gefördert wird, um sich auf sein eigenstes Seinkönnen hin entwerfen zu können. Handlungsorientierung hierfür ist die der Angst enthebende gehobene Stimmung. Dies setzt voraus, daß man die der Angst enthebende gehobene Stimmung kennt. Diese Stimmung kann nur annäherungsweise verbal beschrieben werden. Wirklich kennen kann man sie nur dann, wenn man sie erfahren hat. Die Erfahrung der der Angst enthebenden gehobenen Stimmung setzt die in der Angst gewonnene Freiheit zum eigensten Seinkönnen und die Aufhebung der dadurch entstandenen bedrückenden Stimmung durch die glaubend erfahrene Geborgenheit im Unendlichen voraus. Diese Erfahrung ist “je meine” wie auch das Dasein “je meines”[23] ist.[24]
Soweit das innerweltlich begegnende Seiende dennoch das Gefühl der Geborgenheit und das eigentliche Selbstwertgefühl nur unvollkommen vermittelt, kann in der im Glauben erfahrenen Geborgenheit im Unendlichen Zuflucht und Trost gefunden werden. Die im Glauben erfahrene Geborgenheit im Unendlichen bedarf daher nicht nur einer Ergänzung im Diesseits, sondern auch Unzulänglichkeiten dieser Ergänzung können ihrerseits durch die im Glauben erfahrene Geborgenheit im Unendlichen abgmildert werden. Dies begünstigt wiederum die der Angst enthebende gehobene Stimmung und damit das Entwerfen auf das eigenste Seinkönnen.
Im zeitlichen Verlauf des Lebens ist daher der Grad der vollinhaltlichen Befriedigung von Geborgenheit und Selbstwertgefühl immer Schwankungen unterworfen. Man wird sich daher stückweit immer wieder unter dem Einfluß des innerweltlich begegnenden Seienden, das das Nächstliegendste ist und durch die sinnliche Wahrnehmbarkeit auch ein großes Gewicht hat, im “Aufgehen in der Welt” selbst verlieren.[25] Das dafür notwendige Loslösen von den Erwartungen und Wertmaßstäben der umgebenden Menschen wird ermöglicht durch die im Glauben erfahrene Geborgenheit im Unendlichen und dem damit einhergehenden eigentlichen Selbstwertgefühl in der Kontemplation.
Unter Einbeziehung der Überlegungen zum individuellen Stimmungsuntergrund kann gezeigt werden, daß die Handlungsorientierung an der der Angst enthebenden gehobenen Stimmung auch bedeutet, seinen Nächsten zu lieben wie sich selbst. Dies ist die Begründung dafür, daß es uns ‑ wovon Martin Heidegger ausgeht[26] ‑ auch bei der Fürsorge um uns selbst geht, und deshalb Fürsorge und Selbstsorge keine gegensätzlichen Begriffe sind. Dementsprechend fallen Sein und Sollen zusammen. Deshalb schützt die der Angst enthebende gehobene Stimmung vor dem Bösen. Dieses Ergebnis legt es nahe, die bisherigen Annahmen zur Norminternalisation ‑ insbesondere im Zusammenhang mit der Erklärung abweichenden Verhaltens ‑ zu überdenken.
Soweit das Dasein hinter dem eigensten Seinkönnen, das immer ein eigenstes Ganzseinkönnen ist, zurückbleibt, kann die vollinhaltliche Befriedigung des Bedürfnisses nach Geborgenheit und Selbstwertgefühl, die das eigentliche Ganzseinkönnen voraussetzt, nur angesichts der im Glauben verstetigten unbedingten Geborgenheit im Unendlichen, die das Zurückbleiben hinter dem eigensten Ganzseinkönnen nachläßt, erreicht werden. Nur so ist trotz Zurückbleibens hinter dem eigensten Seinkönnen in der Vergangenheit die der Angst enthebende gehobene Stimmung als Voraussetzung für ein Leben in der Eigentlichkeit in die Zukunft hinein möglich.
Daraus ergibt sich, daß die Voraussetzungen für die vollinhaltliche Befriedigung des Bedürfnisses nach Geborgenheit und Selbstwertgefühl abschließend klärbar sind und danach die vollinhaltliche Befriedigung des Bedürfnisses nach Geborgenheit und Selbstwertgefühl, die in der der Angst enthebenden gehobenen Stimmung zum Ausdruck kommt, prinzipiell erreichbar ist. Damit klärt sich die bei den Betrachtungen der Alltäglichkeit im Ersten Kapitel offen gebliebene Frage, ob es eine volle Befriedigung des Bedürfnisses nach Geborgenheit und Selbstwertgefühl gibt.
Das Dilemma, daß die Angst gerade erst den Weg zum eigensten Seinkönnens frei macht, und es zur Bestimmung des Daseins gehört, sein eigenstes Sein zu sein, andererseits aber das Dasein im Entwerfen auf das eigenste Seinkönnen wegen der lähmenden Wirkung der Angst stecken bleibt, findet vor diesem Hintergrund seine Lösung: Die durch die volle Befriedigung des Bedürfnisses nach Geborgenheit und Selbstwertgefühl erreichte der Angst enthebende gehobene Stimmung ermöglicht das eigenste Seinkönnen. Darin liegt die eigentliche Bedeutung der vollen Befriedigung des Bedürfnisses nach Geborgenheit und Selbstwertgefühl. Die der Angst enthebende gehobene Stimmung ist diejenige Stimmung, die Otto Friedrich Bollnow als den letzten und erfülltesten “aller Glückszustände” mit dem Namen der “Seligkeit” bezeichnet als den Zustand, “in dem der Mensch am vollsten er selber ist”.[27]
Otto Friedrich Bollnow kommt somit das Verdienst zu, die der Angst enthebende gehobene Stimmung in ihrer inhaltlichen Erfahrbarkeit als Glückseligkeit beschrieben zu haben. Außerdem haben wir ihm die Herausarbeitung der zentralen Voraussetzung der der Angst enthebenden gehobenen Stimmung zu verdanken: das in unerklärlicher Weise aus dem Nichts aufsteigende Gefühl der unbedingten Geborgenheit im Unendlichen.
Da aber Otto Friedrich Bollnow dem für die Erschließung des Daseins entscheidenden Seinsverständnis von Martin Heidegger aufgrund seines anthropologischen Standpunktes keine Beachtung schenkt, bleibt ihm die erschließende Bedeutung der der Angst enthebenden gehobenen Stimmung für das eigenste Seinkönnen verschlossen. Er spricht vielmehr undifferenziert von glücklichen oder gehobenen Stimmungen, ohne zu berücksichtigen, daß die gehobene Stimmung in dem Maße, wie sie zur Angst enthebenden gehobenen Stimmung wird, anzeigt, inwieweit sich der Mensch von der Seinsart der Uneigentlichkeit entfernt hat und in der Seinsart der Eigentlichkeit lebt. Diese Bewertung der gehobenen Stimmungen im Hinblick auf das eigenste Seinkönnen erlaubt erst der ontologische Ansatzpunkt von Martin Heidegger.
Darüber hinaus ermöglicht es der ontologische Ausgangspunkt Martin Heideggers, aus den Ursachen für die mit dem Dasein verbundene Angst abzuleiten, unter welchen Bedingungen die Angst aufgehoben und nicht nur in der Seinsart der Uneigentlichkeit verdeckt ist. Dabei ergibt sich konsequenterweise vor dem hier herausgearbeiteten Hintergrund, daß Geborgenheit und Selbstwertgefühl die beiden Säulen der gehobenen Stimmung sind, daß die Seinsart der Uneigentlichkeit, in der die Angst in einer gehobenen Stimmung verdeckt ist, mit der uneigentlichen Geborgenheit und dem uneigentlichen Selbstwertgefühl einhergeht. Umgekehrt geht die Seinsart der Eigentlicheit mit der eigentlichen Geborgenheit und dem eigentlichen Selbstwertgefühl einher.
Vor diesem Hintergrund gewinnen die Betrachtungen über die aufschließende Kraft der glücklichen Stimmungslagen von Otto Friedrich Bollnow auch für den von ihm besonders hervorgehobenen Bereich der Pädagogik ihre eigentliche Dimension. Unter der Voraussetzung der Unterscheidung, ob die gehobenen Stimmungen die Angst nur verdecken oder aber der Angst entheben, stehen die Ausführungen von Otto Friedrich Bollnow zu der grundlegenden Bedeutung der gehobenen Stimmungen für das Leben des Menschen nicht im Gegensatz zu dem von Martin Heidegger vertretenen Standpunkt, sondern ergänzen die existenziale Analytik.
Die der Angst enthebende gehobene Stimmung zu fördern, als Grundlage für das eigenste Seinkönnen und das damit verbundene sittliche Verhalten, ist daher als die grundlegende Aufgabe jeder pädagogischen Bemühung anzusehen. Dies bedingt, daß die Herausbildung der beiden Säulen der der Angst enthebenden gehobenen Stimmung ‑ die eigentliche Geborgenheit und das damit einhergehende eigentliche Selbstwertgefühl ‑ unterstützt wird.
Dabei ist zu berücksichtigen, daß die Überlegungen zum individuellen Stimmungsuntergrund zeigen, daß es im Menschen einen inneren Kern gibt, der alle Einflüsse von außen auf ihre Zu- und Abträglichkeit bewertet. Dieser innere Kern ist zwar beeinflußbar aber letztlich nicht beliebig manipulierbar. Die vorangegangene Darstellung des Einflusses des innerweltlich begegnenden Seienden für das Entwerfen auf das eigenste Seinkönnen zeigt dies im einzelnen. Dieser nicht beliebig manipulierbare innere Kern macht den Menschen zum dialogischen Wesen. Dies ist nicht nur für die Pädagogik sondern auch für die Psychotherapie von grundlegender Bedeutung.
Der innere Zusammenhang zwischen Geborgenheit und Selbstwertgefühl als den beiden Säulen der gehobenen Stimmung läßt sich ‑ wie die Einbindung von Geborgenheit und Selbstwertgefühl in das Leben des Menschen und die Voraussetzungen für die vollinhaltliche Befriedigung von Geborgenheit und Selbstwergefühl ‑ ebenfalls aus der Analyse der mit den Grundgegebenheiten des Daseins einhergehenden Angst ableiten. In Anknüpfung an die Einbindung von Geborgenheit und Selbstwertgefühl in das Leben des Menschen wird folgendes herausgearbeitet: Da die Ursache für die Angst darin zu sehen ist, daß das “Woher und Wohin” verhüllt ist, können wir die Angst nicht aus eigener Kraft überwinden. Dies gilt nicht nur für die Angst um unser “ist”, sondern auch für die Angst um unser “zu-sein-haben”, weil wir in unserer “Geworfenheit” die Ursache für uns selbst nicht selbst gesetzt haben und deshalb über uns selbst verunsichert sind. Damit ist es uns nicht möglich, das Selbstwertgefühl aus uns selbst heraus aufgrund eigener Anstrengung zu erlangen. Das Bedürfnis nach Geborgenheit, das der Angst entspringt, ist deshalb das Bedürfnis nach einer Geborgenheit, die zugleich das Bedürfnis nach Selbstwertgefühl befriedigt. Darin kommt der innere Zusammenhang des Bedürfnisses nach Geborgenheit und Selbstwertgefühl zum Ausdruck, der in der Angst des Daseins um sich selbst, das heißt um sein “ist” und sein “zu-sein-haben” angesichts des verhüllten “Woher und Wohin” und damit in der “Geworfenheit” des Daseins gründet.
Damit ist die existenziale Verfassung des Daseins, daß es nicht nur “ist”, sondern auch “zu sein hat”, das heißt “gestimmt versteht”, daß es sich fortwährend auf sein eigenstes Seinkönnen hin “zu entwerfen hat”, der Grund dafür, daß in dem Bedürfnis nach Geborgenheit auch das Bedürfnis nach Selbstwertgefühl enthalten ist.
Zugleich ergibt sich daraus, daß Geborgenheit nur dann vollinhaltlich als Geborgenheit erfahren wird, wenn sie Selbstwertgefühl vermittelt, und umgekehrt das Vermitteln von Selbstwertgefühl in seinem Beitrag zur Aufhebung der Angst als Vermitteln von Geborgenheit erlebt wird. Dabei geht es bei dem Bedürfnis nach einer Geborgenheit, die zugleich das Bedürfnis nach Selbstwertgefühl befriedigt, immer um die Befriedigung des eigentlichen Selbstwertgefühls.
Dieser innere Zusammenhang von Geborgenheit und Selbstwertgefühl zeigt sich bei dem im Glauben möglichen Gefühl der Geborgenheit im Unendlichen. Aus diesem Gefühl der Geborgenheit im Unendlichen heraus begreifen wir uns als aus dem Ursprung, dem “Woher”, gerade so hervorgegangen, wie es vom Ursprung her gesehen sein sollte, um diesem Ursprung entsprechend unser eigenstes Sein zu sein. Mit dem im Glauben möglichen Gefühl der Geborgenheit im Unendlichen geht somit das eigentliche Selbstwertgefühl einher.
Aber auch im Alltag fördert das menschliche Miteinander, wenn es durch das Vermitteln von Geborgenheit im Dienste des eigensten Seinkönnens steht, immer zugleich das eigentliche Selbstwertgefühl ‑ als Abbild der im Glauben erfahrbaren Geborgenheit im Unendlichen.
So vermitteln wir, wenn wir im Umgang miteinander den “Wert” des anderen nicht an Maßstäben messen, die außerhalb ihm selbst liegen, und ihn so annehmen, wie er ist, Geborgenheit und fördern damit zugleich das Selbstwertgefühl im eigentlichen Sinne. Außerdem hängt das Erfahren des eigenen Wertes im menschlichen Miteinander auch davon ab, ob wir uns in unserem individuellen Erleben und Empfinden verstanden fühlen. Damit ist nicht nur das Vermitteln von Geborgenheit, sondern auch das Fördern des eigentlichen Selbstwertgefühls durch das menschliche Miteinander davon abhängig, inwieweit der eigene individuelle Stimmungsuntergrund mit dem der uns umgebenden Menschen übereinstimmt.
Auch wird dargelegt, wie die Ehe zu dem Ort werden kann, der in herausgehobener Weise nicht nur Geborgenheit vermittelt, sondern auch das Selbstwertgefühl im eigentlichen Sinne fördert. So erfahren wir den Wert unseres Selbst in einer gesteigerten Weise, wenn wir gerade aufgrund unserer individuellen Wesensverfassung, mit der wir dem Partner im Denken, Erleben und Empfinden nahe sind, bewirken, daß er sich in seinem persönlichen Denken, Erleben und Empfinden geborgen fühlt. Zugleich kann der Partner aus dem gleichen Grund unser Bedürfnis nach Geborgenheit befriedigen und erlebt dabei seinerseits den Wert seines Selbst in gesteigerter Weise. Dieses gegenseitige Vermitteln von Geborgenheit verleiht dem Leben einen besonderen Sinn, wodurch wiederum das Selbstwertgefühl im eigentlichen Sinne gestärkt wird. Das setzt aber voraus, daß das menschliche Miteinander nicht als Ersatz sondern als Ergänzung der fehlenden körperhaften Erfahrung der im Glauben erlebten Geborgenheit im Unendlichen verstanden wird.
Darüber hinaus zeigen die Ausführungen im Ersten Kapitel, daß die Eltern durch ihr Geborgenheit vermittelndes Verhalten gegenüber dem Kind viel dazu beitragen können, daß sich beim Kind ‑ dem späteren Erwachsenen ‑ das eigentliche Selbstwertgefühl herausbildet. Zugleich wird durch die Überlegungen zum individuellen Stimmungsuntergrund deutlich, daß die Eltern um so eher Geborgenheit und das damit einhergehende eigentliche Selbstwertgefühl vermitteln können, je mehr ihr eigener individueller Stimmungsuntergrund mit dem des Kindes übereinstimmt.
Das Selbstwertgefühl im eigentlichen Sinne wird im menschlichen Miteinander außerdem auch dann gefördert, wenn sich eine Gruppe von Menschen so verhält, daß ein kooperatives Arbeiten möglich ist, wodurch zugleich das Gefühl der Geborgenheit vermittelt wird.
Fördert auf diese Weise das menschliche Miteinander durch das Vermitteln von Geborgenheit das eigentliche Selbstwertgefühl, ist der Weg frei, daß unsere Seinsart als Dasein nicht im Sinne von Martin Heidegger vom Aufgehen in der Welt ‑ die zwar die vorherrschende aber nicht ausschließliche Seinsart darstellt ‑ bestimmt wird, sondern vom eigensten Seinkönnen. Auf diese Weise leistet das Geborgenheit vermittelnde menschliche Miteinander seinen Beitrag für die volle Befriedigung des Bedürfnisses nach Geborgenheit und Selbstwertgefühl, indem es das eigenste Seinkönnen als Voraussetzung für die Bewahrung der im Glauben möglichen Geborgenheit im Unendlichen und des damit einhergehenden eigentlichen Selbstwertgefühls unterstützt. Unter diesen Voraussetzungen ist es nicht notwendig, sich dem Einfluß des innerweltlich begegnenden Seienden zu entziehen, um das eigenste Sein zu sein.
So kann gezeigt werden, daß sowohl aus der im Glauben möglichen Geborgenheit im Unendlichen als auch im Alltag das eigentliche Selbstwertgefühl aus der Geborgenheit erwächst. Das Bedürfnis nach Selbstwertgefühl kann somit nur in der Geborgenheit seine volle Befriedigung finden. In der Geborgenheit kommt dementsprechend das Streben nach Selbstwertgefühl zur Ruhe. Die Vermutung eines inneren Zusammenhangs zwischen Geborgenheit und Selbstwertgefühl aufgrund der Betrachtungen der Wechselwirkung zwischen beiden Phänomenen im Ersten Kapitel wird damit bestätigt.
Zugleich ergibt sich daraus, daß es nicht nur einen inneren Zusammenhang zwischen Geborgenheit und Selbstwertgefühl gibt, sondern auch einen inneren Zusammenhang zwischen dem im Glauben möglichen Gefühl der Geborgenheit im Unendlichen, womit das eigentliche Selbstwertgefühl einhergeht, und der Geborgenheit im Alltag, die zugleich die Herausbildung des eigentlichen Selbstwertgefühls fördert. Anknüpfungspunkt für diesen inneren Zusammenhang ist das eigenste Seinkönnen.
Durch die Analyse des Wesens des Menschen auf fundamentalontologischer Grundlage in der Zusammenführung der beiden Standpunkte von Otto Friedrich Bollnow und Martin Heidegger konnten somit die aufgeworfenen grundlegenden Fragen zu Geborgenheit und Selbstwertgefühl einer Lösung zugeführt werden. Dies war jedoch nur möglich aufgrund des in der vorliegenden Untersuchung herausgearbeiteten Wesensunterschieds zwischen Stimmungen und Gefühlen und der sich daraus ergebenden Wechselwirkung zwischen beiden Phänomenen, der Unterscheidung zwischen eigentlichem und uneigentlichem Selbstwertgefühl, die ‑ soweit ersichtlich ‑ so bisher noch nicht getroffen worden ist, und der Einführung des individuellen Stimmungsuntergrundes.
Die in der vorliegenden Untersuchung erzielten Ergebnisse, daß Geborgenheit und Selbstwertgefühl die beiden Säulen der gehobenen Stimmung sind und daß das Selbstwertgefühl aus der Geborgenheit erwächst, finden in empirischen psychologischen Forschungen zu depressiven Stimmungen ihren Ausdruck. Die in der vorliegenden Untersuchung erzielten Ergebnisse können somit als Erklärung für das Entstehen depressiver Stimmungen herangezogen werden und zugleich als therapeutischer Ansatz dienen.
Auch ist die Erkenntnis, daß nur die Förderung des eigentlichen Selbstwertgefühls auf Dauer zu einer emotionalen Stabilität beitragen kann, und das eigentliche Selbstwertgefühl der Geborgenheit erwächst, für alle pädagogischen und psychotherapeutischen Bemühungen von Bedeutung, bei denen es um die Anhebung des Selbstwertgefühls geht. Vor diesem Hintergrund kommt Forschungen zur Feststellung des Grades der Übereinstimmung des individuellen Stimmungsuntergrundes zwischen demjenigen, der Geborgenheit und Selbstwertgefühl fördern will, und demjenigen, dessen Geborgenheit und Selbstwertgefühl gefördert werden soll, allergrößte Bedeutung zu, weil von der Übereinstimmung des individuellen Stimmungsuntergrundes das Vermitteln von Geborgenheit und eigentlichem Selbstwertgefühl abhängt.
Auch sollte die Unterscheidung zwischen eigentlichem und uneigentlichem Selbstwertgefühl und die Abgrenzung zu den davon beeinflußten Stimmungen bei der Diagnostik des Selbstwertgefühls berücksichtigt werden.
Darüber hinaus ergibt sich aufgrund der Ergebnisse der vorliegenden Untersuchung zur Bedeutung von Geborgenheit und Selbstwertgefühl für das Leben des Menschen und die Voraussetzungen für die Herausbildung von Geborgenheit und Selbstwertgefühl die Aufgabe, die verschiedenen psychotherapeutischen Ansätze vor dem Hintergrund dieser Erkenntnisse zu analysieren, zu bewerten und weiterzuentwickeln.
[1] Heidegger, Martin: Sein und Zeit ... S. 134 f. [2] Heidegger, Martin: Sein und Zeit ... S. 135. [3] Heidegger, Martin: Sein und Zeit ... S. 134. [4] Heidegger, Martin: Sein und Zeit ... S. 135. [5] Dies bestätigt die im Ersten Kapitel unter III. aufgrund der Betrachtungen des Alltags geäußerte Vermutung, daß Sinnerfahrung und Selbstwertgefühl in einem engen Zusammenhang stehen. [6] Bollnow, Otto Friedrich: Neue Geborgenheit ... S. 70. [7] Bollnow, Otto Friedrich: Das Wesen der Stimmungen ... S. 97. [8] Heidegger, Martin: Sein und Zeit ... S. 310. [9] Heidegger, Martin: Sein und Zeit ... S. 310. [10] Heidegger, Martin: Sein und Zeit ... S. 310. [11] “Selbst” im Sinne von allem, was in seiner Gesamtheit eine Person ausmacht als Individuum gegenüber anderen; vgl. hierzu Erstes Kapitel unter I. B. Anmerkung 9. [12] Hier zeigt sich, wie “alles philosophische Fragen nach dem Wesen des Menschen einen tiefen Grund und ein Ziel hat.” (Häußling, Josef Maria: Untersuchung über das Wesen des Versprechens. Mit besonderer Berücksichtigung der Arbeiten von Hans Lipps und Gabriel Marcel. Mainz, Uni., Diss., 1951. S. 146. [13] Zur Religionspädagogik vgl. z. B. Grom, Bernhard: Religionspädagogische Psychologie des Kleinkind-, Schul- und Jugendalters. 5., vollständig überarbeitete Auflage ‑ Düsseldorf: Patmos 2000. [14] Zur Pastoralpsychologie vgl. z. B. Gareis, Balthasar: Die Bedeutung der Psychologie für den priesterlichen Dienst: Ein Plädyer für angewandte Psychologie in der Seelsorge. Mit Vita, Bibliographie und Nachruf auf Balthasar Gareis. – Frankfurt am Main: Knecht. 2001; Scharfenberg, Joachim: Einführung in die Pastoralpsychologie. Unveränderter Nachdruck der 2. Auflage. – Göttingen: Vandenhoeck und Ruprecht 1994. [15] Heidegger, Martin: Sein und Zeit ... S. 187. [16] Heidegger, Martin: Sein und Zeit ... S. 117 (Hervorhebung im Original). [17] Zur “Jemeinigkeit” vgl. Heidegger, Martin: Sein und Zeit ... S. 42. [18] Bollnow, Otto Friedrich: Mensch und Raum ... S. 33. [19] Grimm, Jacob und Wilhelm: Deutsches Wörterbuch. Vierter Band. Zweite Abteilung. - Leipzig: Hirzel 1877. Spalte 865. [20] Bollnow, Otto Friedrich: Mensch und Raum ... S. 264. [21] Heidegger, Martin: Sein und Zeit ... S. 176. [22] Heidegger, Martin: Sein und Zeit ... S. 178. [23] Heidegger, Martin: Sein und Zeit ... S. 114. [24] Zur Unterstützung der Erfahrung der der Angst enthebenden gehobenen Stimmung könnte die Musiktherapie Bedeutung erlangen. [25] “Absturz” und “Wirbel” im Sinne von Martin Heidegger (Heidegger, Martin: Sein und Zeit ... S. 178). [26] Vgl. hierzu Anmerkung 212 und 260 im Zweiten Kapitel. |